Karl-Rehbein-Schule

Gymnasium der Stadt Hanau

Handgranaten-Weitwurf und australische Einhörner

Lebendiges Zeitzeugen-Gespräch: Ehemaliger DDR-Flüchtling Markus Rückert berichtet von seiner Jugend in der DDR

„DDR? Ach so ja, am 3.Oktober haben wir doch immer frei, weil da der Tag der Deutschen Einheit ist, oder?“ Das ist vermutlich der realste Bezug zur DDR, den viele Schüler bislang hatten. Geschichte, so die langläufige Meinung der Schüler, sei ja ein Fach, in dem man sich nur mit Quellen längst vergangener Tage beschäftigt. Aus diesem Grund haben nun Schüler der Karl-Rehbein-Schule Hanau (KRS) der Q-4-Kurse an einem Zeitzeugengespräch im Schlossgartensaal der KRS teilnehmen können.

Der Referent, der auf Einladung von Geschichtslehrer Lars Pätzold an die KRS kam, Markus Rückert flüchtete im Herbst 1989 im Alter von 16 Jahren mit seiner Familie über Polen aus der DDR.
Dementsprechend konnte er vor allem von der Kindheit und Jugend in „der Zone“, wie er sie lieber nennt, berichten. Gerade dieser Lebensabschnitt war natürlich besonders interessant für die KRS-Eleven, da hier direkte Vergleiche gezogen werden konnten. Während die KRS-Schüler schon alle fleißig fürs Abitur lernen, sind sie es gewohnt, auf Grund ihrer Leistungen bewertet zu werden und im Anschluss studieren gehen zu können. In Rückerts Klasse hingegen war es sogar dem besten Schüler nicht erlaubt zu studieren – seine Eltern waren Künstler und unterstützten nicht eindeutig genug das politische System der DDR.

Dieses System glorifizierte das Militär in einem extremen Maße. In einem Liedbeispiel für Vorschulkinder, das Rückert vorführte, wurde vom Kindheitstraum besungen, einmal einen Panzer der Volksarmee zu fahren. In der Schule übte man nicht den Weitwurf mit Bällen sondern mit Handgranaten.
Ein anderes Beispiel für das verbrecherische System war das Vermitteln des Militarismus an die Jugendlichen in den Wehrerziehungslagern, an dem alle DDR-Schüler zu Ende des 10. Schuljahres teilnehmen mussten. Hierbei bekamen die Jungen eine militärische Grundausbildung, auch an der Waffe, und die Mädchen erlernten alles Nötige, um Kriegsverletzte zu versorgen. Das Alles in einem Alter um die 14 Jahre.

So hatte Rückert aber auch einige anschauliche Anekdoten, die die Absurdität des DDR-Systems vor Augen führte: Beispielsweise konnte er drei Bravo-Zeitschriften, die seine Tante aus der BRD mitgebracht hatte, auf dem Flohmarkt für zehn Mark pro Seite und damit insgesamt für 480 Mark verkaufen. Das entsprach mehreren Monatsmieten. Oder auch Schallplatten von westlichen Gruppen hatten einen hohen Wert, vor allem, wenn es um Vinyl-Scheiben der Beatles oder den Rolling Stones ging. Diese Platten gab es erst in der DDR, als der „Hype“ um die Gruppen schon längst vorüber war. „Die DDR war wie die BRD, bloß 30 Jahre zu spät.“, erläutert Rückert.

Natürlich interessierte die KRS-Schüler besonders auch die Flucht von Rückert aus der DDR. So erzählte Rückert, dass die mit etwas weniger Glück hätte scheitern können. Er hatte seinem besten Freund von den Plänen seiner Familie erzählt. Erst später erfuhr er, dass die bei der Staatssicherheit (Stasi) waren. Ob sein Freund das wusste oder ob es nur Glück war, dass er daheim nichts erwähnte, konnte Rückert bis heute nicht mehr verifizieren. Möglich wäre auf jeden Fall beides gewesen, denn es gab sogar Familien, in denen die Kinder ohne das Wissen der Eltern bei der Stasi waren und die sogar ihre Eltern verrieten – wie sowieso die Stasi überall auf die abscheulichste Art und Weise ihre Finger, Denunzianten und Spitzel im Spiel hatte.

Doch die Flucht von Rückerts Familie gelang: Der Vater seiner Familie war als Erster zusammen mit einem Grenzschützer über Ungarn geflohen und anschließend kamen seine Mutter, sein kleiner Bruder und er selbst über Polen mit dem Zug nach. Sie behaupteten, eine Hochzeit zu besuchen und konnten daher auch nur das Gepäck mitnehmen, das sie für eine solche Reise gebraucht hätten. In der BRD kamen sie, wieder mit dem Vater vereint, das erste Jahr bei ihrer Tante unter. Sieben Menschen in einer 2 Zimmerwohnung.
Die erste Zeit in der BRD sei für Rückert voller „Aha-Momente“ gewesen und es wurde für ihn noch deutlicher, wie isoliert die DDR vom Rest der Welt war. So antwortete er gefragt nach seinen Plänen nach dem Abitur überzeugt, er wolle nach Australien, um dort die Einhörner zu sehen. Von denen hatte er ja schließlich gelesen.

Zum Abschluss machte er noch einmal deutlich, dass die Geschichte der DDR auch heute noch zeigt, dass man Ideologien hinterfragen müsse und genau da könne man auch den von Schülern manchmal gesuchten Sinn des Geschichtsunterrichts finden: Das Hinterfragen von „Tatsachen“ und Ansichten ist auch heute noch nötig und brandaktuell. Man kann und sollt aus Geschichte lernen.

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